Seiten

Posts mit dem Label Kreuzfahrt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kreuzfahrt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

29. Januar 2008

In siebzig Tagen zu sich selbst

Dunkelheit umwogt die Beine des Küchentischs

Die letzten Tage habe ich den geheimen Teilhaber von Joseph Conrad gelesen. Eine ziemliche Enttäuschung. Diese Novelle aus dem Jahr 1909 scheint eine Art Fingerübung für Schattenlinie (1917) gewesen zu sein. Sie ist dermaßen überladen mit Symbolen für einen Übergang, eine Initiation, dass man völlig betäubt davon ist. Das ist Psychologie mit dem Vorschlaghammer. Die interessante Frage wäre dann, wie Conrad auf die Idee kam, im Titel das Wort "secret" zu verwenden; subtil ist das alles nämlich nicht. Eine schöne Stelle hab ich dann doch noch gefunden:

"Eine Grupper kahler Inselchen, die an Ruinen von Mauern, Türmen und Blockhäusern erinnerten, erhob sich zur Linken aus dem blauen Meer, das wie erstarrt wirkte, so ruhig und unbeweglich lag es zu meinen Füßen; selbst die Lichtbahn der untergehenden Sonne leuchtete mild, ohne das lebhafte Glitzern, das von einem unmerklichen Gekräusel des Wassers zeugt. Und als ich mich umwandte, um einen Abschiedsblick auf den Schlepper zu werfen, der uns soeben verlassen hatte - wir waren außerhalb der Barre vor Anker gegangen -, sah ich die gerade Linie der flachen Küste in vollkommener Geschlossenheit an das unbewegliche Meer geschmiegt - in einer Ebene, halb braun, halb blau unter der riesigen Kuppel des Himmels."

Es ist ein Bild völliger Ruhe und Bewegungslosigkeit. Und damit das auch der letzte Depp kapiert, folgt auf der nächsten Seite:

"Am Ausgangspunkt einer langen Reise schwamm es ganz ruhig in einer unermesslichen Stille, die untergehende Sonne warf die Schatten seiner Rundhölzer weit nach Osten. In diesem Augenblick war ich allein auf seinen Decks. Kein Laut war an Bord zu hören - nichts rundum regte sich, nichts lebte, nicht ein Kanu auf dem Wasser, nicht ein Vogel in der Luft, nicht eine Wolke am Himmel. In diesem atemlosen Innehalten an der Schwelle einer langen Überfahrt schienen wir unsere Tauglichkeit für das lange und mühevolle Unternehmen abzuwägen, für die Aufgabe, die wir beide vollbringen mussten - fern von jedem menschlichen Auge, nur den Himmel und das Meer als Zuschauer und Richter."
Der geheime Teilhaber, Joseph Conrad

In summa handelt es sich schon um ein Stück Reiseliteratur - auf der Entdeckungsreise zu sich selbst und damit, wie schon gesagt, die Schilderung eines Übergangs, einer Initiation. Allerdings kann man dasselbe auch besser lesen, sogar bei Conrad selbst. Schade!

22. November 2007

Namenloser Dampfer

Am Küchentisch am Abend

"Die Flagge hing schlaff wie ein Lappen herunter; die Mündungen der langen Sechs-Zoll-Geschütze ragten überall über den niedern Schiffsrumpf hinaus; das schleimige, schlammige Küstenwasser schaukelte müde das Schiff und brachte seine dünnen Masten zum Schwanken. Dort lag es in der leeren Unendlichkeit der Erde, des Himmels und des Wassers, unverständlich, und schoß auf einen Kontinent. Pumm! machte hie und da eins der Sechs-Zoll-Geschütze; ein bißchen Rauch löste sich auf, ein winziges Projektil pfiff leise - und nichts geschah. Nichts konnte geschehen. Über dem Vorgang lag ein Hauch Wahnsinn, und was man sah, hatte eine klägliche Komik."
Herz der Finsternis, Joseph Conrad

Schon wieder so ein Bild von Einsamkeit und Isolation. Die mit Leben beladenen weißen Tüpfel sind von ihrer Umgebung völlig abgetrennt. Die Narcissus, ein namenloser französischer Dampfer im eben zitierten Beispiel oder die Nellie - alle Schiffe bilden einen isolierten Mikrokosmos. Und zwischen dem Mikrokosmos und seiner Umgebung gibt es keine rationale Verbindung: Ein "Hauch von Wahnsinn" oder die "Abgründe von Himmel und See", die einander an einer unerreichbaren Grenze begegnen. Sonst nichts.

18. November 2007

Schiffe, die vorüberziehen

Am Küchentisch in der Abenddämmerung

"Die Fahrt hatte begonnen, und das Schiff - ein von der Erde losgelöstes Teilchen - bewegte sich einsam und schnell wie ein kleiner Planet. Ringsherum begegneten die Abgründe von Himmel und See einander an einer unerreichbaren Grenze. Eine große, kreisförmige Einsamkeit eilte mit ihm, die sich immerfort veränderte und immerfort dieselbe blieb, stets monoton und stets imponierend. Hin und wieder erschien noch ein anderer mit Leben beladener wandernder weißer Tüpfel in der Ferne und verschwand, eifrig seiner eigenen Bestimmung folgend."
Narcissus, Joseph Conrad

Aneinander gekettet, auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden - jedenfalls solange die Reise dauert. Und von allem anderen abgeschnitten.
Das ist so ganz anders, als das Reisen eigentlich sein sollte. Woanders hinkommen, neue Menschen, neue Länder sehen, neue Dinge kennenlernen.