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20. Mai 2009

Affenartig

Nächtens in der Küche

Und der nächste Eintrag zum Thema Menschwerdung. Hier berichtet ein Affe, wie er zum Menschen wurde - und dies geschieht in drei Schritten:

1. andern ins Gesicht spucken,
2. Pfeife rauchen, und dann
3. fachgerecht den Flachmann leeren.

Und dann erschließt sich eine neue Welt.

"Diese Fortschritte! Dieses Eindringen von Wissenstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne es nicht: es beglückte mich. Ich gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht."
Ein Bericht für eine Akademie, Franz Kafka

Den Text gibt es hier ganz.

31. Dezember 2008

Gute Vorsätze


Und jetzt zum Mitsingen:


5. Oktober 2008

zum späteren Gebrauch

Götterdämmerung

... kommt hier ein Zitat:

"Wir werden daran arbeiten, eine Strategie zu entwickeln, die es uns ermöglicht, voranzuschreiten."

Das Original stammt noch dazu aus einer Ecke, in der man sozialistische Vorwärts-Rhetorik nun überhaupt nicht suchen würde.

31. Mai 2008

Herrentiere - Primates

Nach dem Regen

In Des deutschen Spießers Wunderhorn hat Gustav Meyrink im Jahr 1913 eine wunderbare Spottgeschichte zum Thema 'militärischer Patriotismus' publiziert: Schöpsoglobin. Dabei handelt es sich um einen Impfstoff, der von Prof. Dredrebaisel entwickelt wurde. Um Schöpsoglobin zu herzustellen, wird zunächst ein Kalb gegen Pocken geimpft. Man gewinnt das Serum und impft damit ein Faultier sowie einen Schöps, also "ein männliches, aber chirurgisch korrigiertes Schaf" - daher der Name. Beim Kalb hatte Prof. Dredrebaisel beobachtet, dass der Pockenimpfstoff eine Art 'Vaterlandsverteidigungstrieb' auslöste. Der amerikanische Schlaufuchs, der dem deutschen Profesor bei der Vermarktung seiner Entdeckung behilflich war, bemerkte sogleich, dass die Wirkungsverstärkung vermutlich im minderwertigen Denkvermögen des Tieres begründet lag.

Diese beiden Herren, Dredrebaisel und Slyfox begaben sich nun nach Borneo, um ihre Erfindung an Orang Utans auszuprobieren. Den durch Dummheit, Faulheit und fehlende Männlichkeit verstärkten Wirkstoff impften sie zweihundert Exemplaren.

"Die unheilvollen Folgen, die das Zusammensperren so vieler starker Tiere nach sich ziehen sollte, konnte natürlich niemand vorausahnen. Die Schreckensnacht, in der die Affen ihre Käfige zerbrachen und alleskurz und klein schlugen, den Professor D. D. und die malaischen Wärter töteten, hätte bei einem Haare auch Mr. Slyfox (er entrann nur wie durch ein Wunder dem Tode) das Leben gekostet."

Das Schöpsoglobin rief jedoch weitere, unerwartete Nebenwirkungen bei den Orang Utans hervor:

"Von einem sicheren Verstecke aus hatte der Amerikaner genau beobachten können, wie die Affen nach schier endlosem Geschnatter aus ihrer Mitte einen Anführer wählten - und zwar jenes Exemplar, das schon während seiner Gefangenschaft als gänzlich vertrottelt allgemein aufgefallen war - und ihm sodann Goldpapier (!) , das sie in einer zertrümmerten Kiste gefunden hatten, auf das Gesäß klebten. (...) Die Orang-Utans scharten sich nämlich in Trupps, nahmen Äste und Ruten, oder was sie sonst in der Eile erwischten, über die Schulter und zogen eng aneinander geschart, während der Anführer mit wichtiger Miene ein Stück vorausschritt, aufrecht durch die Urwaldpfade. Von Zeit zu Zeit stieß der Goldbeklebte ein schmetterndes: Gwääh - Gwegg, Gwääh - Gwegg aus und dann kam es über alle wie eine finstere Extase."
Schöpsoglobin in Des deutschen Spießers Wunderhorn, Gustav Meyrink

Gegen die solcherart mit Patriomanie geimpften Orang Utans hilft lediglich, sich selbst das Hinterteil entsprechend zu dekorieren. Das schöne Bild oben stammt übrigens aus Alfred Russel Wallaces 'Malay Archipelago' und ist somit knapp 50 Jahre älter als Meyrinks Erzählung. Kurt Tucholsky hat nicht nur Auszüge aus dem Schöpsoglobin seiner Erzählung Der Affe mit dem Leierkasten als Epigraph vorangestellt, sondern auch für einen Kommentar zu den Verhaltensexperimenten Köhlers auf Teneriffa genutzt.

Na, Anfang des vergangenen Jahrhunderts war jedenfalls die Tierwelt noch in Ordnung: Es gab Tiere en masse. Hundert Jahre später können wir von Glück reden, wenn es in Borneo noch zweihundert Orang Utans geben sollte.

30. Mai 2008

Katzen-Jammer

am Küchentisch in morgendlichem Schaffensdrang

Es gibt eine Geschichte von Lovecraft, in der er die grausame Rache der Katzen an einem sadistischen Paar beschreibt. Im Grunde steckt hinter der Geschichte nicht viel, jedenfalls nicht im gleichen Sinne wie in H. P. Wells' Hochöfen.

In Ulthar lebte ein Pärchen, das sein "Vergnügen daran fand, die Katzen der Nachbarn in Fallen zu fangen und umzubringen." Die anderen Bewohner Ulthars stören sich zwar daran, unternehmen aber nichts; denn es ist ihnen immer noch lieber, es sterben Katzen als ihre Kinder. Eines Tages nun kommen Fremde in die Stadt.

"Aus welchem Land die Wanderer stammten, vermochte keiner zu sagen; doch zeigte sich, daß sie seltsamen Gebeten zugetan waren, und daß sie auf die Seiten ihrer Wagen merkwürdige Figuren mit menschlichen Körpern und den Köpfen von Katzen, Falken, Widdern und Löwen gemalt hatten. Und der Führer der Karawane trug einen Kopfputz mit zwei Hörner und einer eigentümlichen Scheibe dazwischen."
Die Katzen von Ulthar, Howard P. Lovecraft

Leser im 21. Jahrhundert nehmen nun wahr, dass es sich offenbar um Reisende aus dem Land der Pharaonen handeln muss, denn wir erkennen Isis' Kopfputz in der Beschreibung wieder. Unter den Reisenden ist ein kleiner Junge, Menes, der ein kleines Kätzchen nach Ulthar bringt.

"Zu dieser sonderbaren Karawane gehörte ein kleiner Junge, der weder Vater noch Mutter hatte, nur ein winziges schwarzes Kätzchen zum Liebhaben. Die Pest war zu ihm nicht freundlich gewesen, hatte ihm jedoch dies kleine bepelzte Wesen zur Linderung seiners Kummers gelassen; und wenn man sehr jung ist, kann man in den lebhaften Possen eines schwarzen Kätzchens viel Trost finden. So lächelte der Junge, den die dunkelhäutigen Leute Menes nannten, viel öfter als er weinte, wenn er mit seinem anmutigen Kätzchen spielend auf den Stufen eines wunderlich bemalten Wagens saß."

Menes' Kätzchen verschwindet nun eines Tages. Die Bewohner Ulthars erzählen ihm von dem finsteren Paar - und was macht Menes? "Und als er diese Dinge vernahm, wich sein Schluchzen tiefem Nachdenken und schließlich einem Gebet."

Damit beschwört Menes merkwürdige Dinge herauf. Isis ist darunter, aber offenbar auch weitere Bewohner des ägyptischen Pantheons wie zum Beispiel Bastet. Am nächsten Tag ziehen die Wanderer weiter. Bald darauf stellen die Bewohner Ulthars fest, dass sämtliche Katzen spurlos verschwunden sind. Für einen Teil ist klar, dass das Verschwinden mit dem alten Paar in Verbindung steht. Andere sind der Meinung, dass Menes' seltsames Ritual das Verschwinden der Katzen bewirkt hat. Beide haben recht, wie sich zeigen wird.

Am nächsten Morgen sind alle Katzen mit einem Mal wieder da - sehr geschmeidig und fett. Sie haben auf Tage hinaus keinen Hunger und wollen nicht fressen. Es dauert eine Weile, bis den Bewohnen Ulthars auffällt, dass im Haus des finsteren Paares kein Licht brennt. Sie schauen nach und stellen fest, dass von ihnen nur sauber abgenagte Skelette übrig geblieben sind.

Die Cats of Ulthar gibt es hier vollständig. Die Geschichte entstand im Jahr 1920. Lovecraft war ausgemachter Katzen-Liebhaber. Vermutlich steckt also gar nichts weiter hinter der Geschichte als der mögliche Verlust eines bepelzten Lieblings.

29. Mai 2008

Schlaumeier, Besserwisser, Nervensägen

Morgens am Küchentisch

Eigentlich hatte ich vor, meine Sammlung von Raubtier-Lyrik noch ein wenig zu erweitern. Es gibt auch noch ein paar gute Kandidaten dafür. Aber vorher kehre ich zu einem anderen Lieblingsmotiv zurück: Joseph Conrad. Hier ist eine hervorragende Charakterisierung aller schlaumeiernden und besserwisserischen Zeitgenossen, die sich in den vergangenen Wochen ganz besonders viel Mühe gegeben haben, an meinen Nerven zu sägen.

"Er war von jenem unwiderstehlichen Drang besessen, seine Kenntnisse mitzuteilen, der untrennbar mit krasser Unwissenheit verbunden ist. Der unwissende Mensch weiß stets über irgendeinen Gegenstand Bescheid, der dann zum einzig kennenswerten Gegenstand wird und das Universum des Ignoranten ausfüllt."
Der Verdammte der Inseln, Joseph Conrad

Ich arbeite daran, diesen Gurkennasen mit yogischem Gleichmut zu begegnen. Aber was macht man, wenn man einem solchen Zeitgenossen bereits auf den ersten Blättern eines Buches begegnet, es sich um die Hauptfigur handelt und man weiß, dass man ihn von nun an lange Zeit an der Backe haben wird? Unterträglicherweise ist die Besessenheit des Protagonisten nun auch noch selbstreflexiv.

"Willems wußte nun alles über sich selbst. Seit dem Tage an dem er unter großen Befürchtungen heimlich den holländischen Ost-Indienfahrer in Samarang verlassen hatte, betrieb er das Studium der eigenen Person, der eigenen Verhaltensweisen, der eigenen Fähigkeiten, also jener das Schicksal bezwingenden Eigenschaften, welche ihn zu der einträglichen Stellung geführt hatten, die er nun einnnahm."

An Conrads Stelle wäre mir zum Weglaufen zumute bei dem Gedanken, die nächsten paar hundert Seiten mit diesem Unsympathen zubringen zu müssen. Aber vielleicht ist die Sektion ja der befriedigendere Weg ...

16. Mai 2008

Feuerspracht

The tyger

Tyger, tyger, burning bright
In the forests of the night,
What immortal hand or eye
Could frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies
Burnt the fire of thine eyes?
On what wings dare he aspire?
What the hand dare seize the fire?

And what shoulder and what art
Could twist the sinews of thy heart?
And, when thy heart began to beat,
What dread hand and what dread feet?

What the hammer? what the chain?
In what furnace was thy brain?
What the anvil? what dread grasp
Dare its deadly terrors clasp?

When the stars threw down their spears,
And watered heaven with their tears,
Did he smile his work to see?
Did he who made the lamb make thee?

Tyger, tyger, burning bright
In the forests of the night,
What immortal hand or eye
Dare frame thy fearful symmetry?

William Blake (1794)

9. April 2008

Im Herzen wild










Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. - Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke (1902/03)

21. März 2008

Magenverstimmung

Draußen nächtliches Schneetreiben

Jean-Christophe Grangés Flug der Störche wurde heute ausgelesen und direkt danach weggeworfen. Das Buch ist ein abscheuliches Machwerk. Alles was es dazu noch zu sagen gibt, hat Krimi-Mimi auf der Krimi-Couch hinterlassen, nämlich hier.

16. März 2008

Defibrillieren in der Straßenbahn

Fliegende Wolkenhaufen vorm Fenster

Mein Lieblingsautor Jean-Christophe hat sich dem öffentlichen Personennahverkehr in Sofia gewidmet. Getting around in Sofia mit Jean-Christophe:

"Auf nassem Kopfsteinpflaster holperten die Ladas, gerieten ins Schleudern und hüpften mitunter wie altmodisches Spielzeug; oft schafften sie es nur mit Mühe, den Straßenbahnen auszuweichen, die allgegenwärtig waren und die eigentlichen Helden der Straße: mit ohrenbetäubendem Getöse tauchten sie aus dem Nichts auf und schickten blaue Blitze in den Gewitterhimmel. Durch die Fenster sah ich, wie die trübe gelbe Beleuchtung auf den verschlossenen Gesichtern der Passagiere flackerte und schließlich erlosch, und diese sonderbaren Wagen erschienen mir fast wie der Schauplatz eines makabren Experiments - eines kollektiven Elektroschocks, bleich und unheimlich, vorgenommen an blutleeren Versuchspersonen."
Der Flug der Störche, Jean-Christophe Grangé

Hier fährt man ja in gewissem Sinne mit praktisch schon Toten in der Straßenbahn. Die Anämie der Transportfälle deutet auf Blutsauger und Vampire hin. Für J.-C. muss Sofia offenbar mitten in Transsylvanien liegen. Bulgarien, Rumänien, wer weiß das schon so genau? Und da Bram Stoker selbst es mit der Geografie der Karpaten bereits nicht wirklich genau nahm, kann man J.-C. kaum einen Strick daraus drehen. Bei den neuen EU-Mitgliedern blickt sowieso keiner mehr richtig durch, jedenfalls J.-C. nicht... Das ist ein bisschen unfair, denn das Buch stammt im Original von 1994. Und wer konnte zu diesem Zeitpunkt schon wissen, dass Länder des ehemaligen Warschauer Paktes nur zehn Jahre darauf der Europäischen Union beitreten würden.

Obwohl ja die elektrischen Blitze der Straßenbahnen eigentlich mehr an den Defibrillator und die Gebärmaschine von Baron Viktor Frankenstein erinnern. Aber der hat ja in Ingolstadt Tote zum Leben erweckt und kam nicht mal in die Nähe von Bulgarien, Rumänien oder der Karpaten. Am Ende besteigt er in Archangelsk ein Schiff, um die von ihm erweckte Kreatur wieder einzufangen. Zwischen Archangelsk und Sofia liegen mehr Gebirge als nur die Karpaten; zum Beispiel auch der Ural.

Dem Flug der Störche folgend mutet uns Jean-Christophe ein ziemliches Reisepensum zu. Es wird noch nach Afrika gehen und darauf bin ich schon sehr gespannt. Sollte dabei etwas herauskommen, was nicht zu peinlich für den guten J.-C. ausgeht, werde ich mit Sicherheit darüber berichten.

12. März 2008

Geisterstunde

Eine mondlose Nacht am Küchentisch

"White on white translucent black capes
Back on the rack
Bela Lugosi's dead
The bats have left the bell tower
The victims have been bled
Red velvet lines the black box
Bela Lugosi's dead
Undead undead undead
The virginal brides file past his tomb
Strewn with time's dead flowers
Bereft in deathly bloom
Alone in a darkened room
The count
Bela Logosi's dead
Undead undead undead"
Bela Lugosi's dead, Bauhaus

Heute mal ein kleiner Ausflug nach Transsylvanien. Ich habe jedenfalls wahrhafte Horrortrips hinter mir die letzten Tage. Da hilft nur eine kleine Dosis Bela Lugosi, der so schön theatralisch dämonisch und leidend sein kann. Das hat ausser ihm in auch nur annähernd vergleichbarer Weise nur noch Vincent Price als Dr. Phibes fertig gebracht:

"My love, precious jewel and noble wife. Severed, too quickly, too cruelly from this life. I alone remain to give delivery of your pain. Nine killed you. Nine shall die. Nine times, nine! Nine killed you! Nine shall die! Nine eternities in doom!"
Dr. Anton Phibes in The Abominable Dr. Phibes

Jetzt darf natürlich auch der letzte in der Runde, Boris Karloff, nicht fehlen. Dafür müssen wir allerdings nach Ägypten, zum Grabe Im-ho-teps. Sorry, aber gegen Boris Karloffs hypnotische Augen kommen moderne Schauspieler aller Tricktechnik zum Trotz nicht wirklich an. Unvergessen ist er auch als Kopf einer Sekte von Teufelsanbetern in The Black Cat. Dort spielt er den Architekten Hjalmar Poelzig und sprach die folgenden, legendären Sätze:

"The phone is dead. Do you hear that, Vitus? Even the phone is dead. "
Hjalmar Poelzig in The Black Cat

4. März 2008

Radioaktives Quecksilber II

Noch dunkel am Küchentisch

Ich habe eine neue Landschaftsbeschreibung bei Jean-Christophe Grangé, dem Meister des Adjektivs, gefunden. Diesmal handelt es sich um den Genfer See kurz vor einem Sommergewitter. Das Gewitter muss allerdings dann wegen Leichenfund ausfallen.

"Am Himmel ballten sich bläulichschwarze Wolkenmassen, zwischen denen glashelle Abgründe klafften, und ein heißer Wind wehte aus allen Richtungen. Ich fuhr in einem gemieteten Kabrio am Ufer des Genfer Sees entlang. In einer Kurve tauchte Montreux auf, wie ein Schemen in der elektrisch geladenen Luft. Der See schlug unruhige Wellen, und die Hotels schienen, trotz der Touristensaison, zu düsterem Schweigen verurteilt."
Der Flug der Störche, Jean-Christophe Grangé

Falls ihr den ersten Teil des 'radioaktiven Quecksilbers' verpasst habt, ist er hier zu finden.

28. Februar 2008

Partitur der Finsternis

Ein Tisch in der Finsternis

Ich habe gerade die Partitur des Todes von Jan Seghers zuende gelesen. Darin geht es unter anderem um das Tagebuch eines Juden in Auschwitz. Sich damit zu konfrontieren ist ausgesprochen schmerzhaft. Es muss auch wehtun. Wenn mich dies nicht mehr anrührte, dann wäre ich tot oder völlig entmenscht. Was die Partitur in meinen Augen wohltuend auszeichnet, ist die aufrichtige und ehrliche Haltung zum Grauen, Verdrängung inklusive. Anders ist es unerträglich. Es kann nicht darum gehen, sich das Grauen ständig bewußt zu machen und darum zu wissen:

"Ihr wißt das schon. Ich auch. Nicht an Wissen mangelt es uns. Was fehlt, ist der Mut begreifen zu wollen, was wir wissen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen."
Durch das Herz der Finsternis, Sven Lindqvist

19. Februar 2008

Trügerische Hoffnungen

Finstere Nacht am Küchentisch

"Wo die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten."
Ton Steine Scherben

Ich habe schon wieder einen wirklich schwermütigen Gegenstand, nämlich trügerische Hoffnungen und vermeintliche Gewissheiten. Deshalb muss ich diesem post ein Mut machendes Motto voranstellen. Vollständig betrogen werden vermeintliche Gewissheiten beispielsweise in diesem Fall:

'My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!'
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.
Ozymandias, Percy Bysshe Shelley (1817)

Ozymandias ist Wikipedia zufolge die gräzisierte Version des Thron-Namens von Ramses II. Er hat sich ein Denkmal errichten lassen - aber alles, sein Reich, seine Macht, seine Bauten, was immer er geschaffen hat - ist zerfallen. Sein Denkmal liegt zerschmettert im Sand der Wüste. Das ewige Lächeln auf den steinernen Lippen hat die Referenz verloren. Die Bedeutungen sind auseinander gefallen, wie auch die physischen Hinterlassenschaften. Die Ironie in Shelleys Gedicht ist, dass die Verzweiflung das einzige ist, was bleibt - allerdings nicht aus den Gründen, die Ramses sich bei der Errichtung des Monuments erhofft haben mag. Shelleys Verzweiflung währt ebenso ewig wie Dantes Höllenpforte und die Qualen, die sich dahinter verbergen.

Mein zweites Beispiel ist dagegen sehr viel persönlicher. Hier geht es um eine junge Frau, die ihr Glück in der Stadt sucht und trotz Rückschlägen nicht hin nimmt, dass sich die Hoffnung darauf als trügerisch erweisen könnte:

"Unterkriegen lassen will sie sich nicht. Ist sie doch hier in München, in der Stadt, um ihr Glück zu machen. Und das Glück, das würde sie schon machen. Da ist sie sich sicher. Ist sie doch ein hübsches Mädchen. Jeder kann das sehen. Sie selbst kann es sehen, wenn sie an den Schaufenstern vorbeigeht. Ihr Glück wird sie machen, da ist sie sich sicher. Ihr Glück."

Als sich kurz darauf der letzte ihrer Glücksmomente in Luft auflöst, erkennt sie, dass sie ihr Glück längst gemacht hatte. Sie erkannte das nicht rechtzeitig und so hat sie es wieder verloren, ohne es recht zu bemerken.

"(...) was hätte sie ihm auch sagen sollen, da sie selbst nicht wusste, was sie heute machen, wo sie hingehen würde. Was hätte ihr das genützt, oder hätte sie ihnen erzählen sollen von den Sommern mit den bloßen Beinen und von dem Glück, dass sie damals empfunden hatte, wie sie mit ihren Füßen durch die Pfützen gewatet ist. Hätte sie ihm sagen sollen, dass jene Sommer die besten in ihrem Leben waren und dass sie (...) ahnte, nein wusste, dass es auch die besten Sommer in ihrem ganzen Leben bleiben würden."
Kalteis, Andrea Maria Schenkel

Kathie, die junge Frau, von der hier die Rede ist, hatte nicht die Ewigkeit im Sinn. Sie hat nur auf ein kleines Eckchen persönliches Glück gehofft - Matsch zwischen den Zehen eben. Aber wie auch im Fall von Ozymandias hat das Schicksal es anders gewollt. Beider Pilgerfahrten endeten vor dem Purgatorium.

18. Februar 2008

Ewigkeit

Am heimischen Küchentisch in rabenschwarzer Nacht

Ich muss mich erden, so mächtig sind die Verse und Nachdichtungen, die ich heute zum Besten gebe. Beginnen wir mit der Inschrift auf Dantes Höllenpforte:

Durch mich gehts hin zur Heimstatt aller Plagen.
Durch mich gehts hin zur ewig langen Pein,
Durch mich zum Volke, das von Gott geschlagen.
Mich schuf mein Schöpfer, um gerecht zu sein;
Göttliche Allmacht, höchste Weisheit waren
Am Werk, mit erster Liebe eins in drein.
Vor mir war nichts Erschaffnes, was an Jahren
Nicht ewig: selber währ ich ewiglich.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!
Divina Comedia (3. Gesang, Verse 1-9), Dante Alighieri (um 1320)

Warum die Hoffnung fahren lassen? Hinter der Höllenpforte erwarten den Besucher die neun Höllenkreise, wobei sich Sünden und Gräuel sukzessive steigern. Die Besucher müssen alle Höllenkreise durchschreiten, um zum Purgatorium, dem Fegefeuer, zu kommen, wo die Seelen möglicherweise Erlösung finden. Die Sünder haben jedoch, anders als die Besucher, keine Gewißheit, in das Purgatorium zu gelangen. An der Höllenpforte müssen die Sünder zunächst alle Hoffnung fahren lassen, denn das Fegefeuer und damit Aussicht auf Vergebung ist nicht gewiss. Schlimmer noch, die Höllenkreise sind selbstverständlich ewig und damit auch die Höllenpforte - und das gilt möglicherweise auch für die Buße für ihre Sünden.

Reiseliteratur ist Dantes Göttliche Komödie deshalb, weil hier der Aufstieg von den Höllenkreisen durch das Purgatorium ins Paradies ganz direkt anhand einer Wanderung erzählt wird, eine Metapher für eine Pilgerfahrt. Was immer die Wanderer entlang ihres Weges sehen und beobachten, sie werden am Ende Erlösung finden.

14. Februar 2008

Hessen und die Welt

Nächtens am Küchentisch

"Entscheidend aber ist, daß Hessen ein Ort des Durchgangs ist, Völkerwanderungen und Kriegsbewegungen stapften hier durch, von Ost nach West und später mehr von West nach Ost, von Süd nach Nord und umgekehrt, aber nie war Hessen das Ziel, nie ist heute noch Hessen das Ziel, in Gießen an der Lahn war das letzte Durchgangs- oder Auffanglager für DDR-Flüchtlinge, aber für die war Gießen nie das Ziel, so wie Hessen nie das wirkliche Ziel ist derer, die hierherkommen und unsere Sprache verachten und unseren Dialekt furchtbar finden und über unseren Apfelwein lachen und über die Küche und darüber, daß selbst Goethe Hessen verlassen hat, so wie Büchner geflüchtet ist aus Gießen nach Zürich, um dort zu sterben.
Hessen ist Transitland, ist eine virtuelle Region, eine Cyber-Heimat vor der Erfindung der Elektronik. Es ist deshalb so unheimlich wie eine Poststation an einer wichtigen Wegkreuzung irgendwo im einsamen Land des amerikanischen Wilden Westens. Hessen haben einen Blick dafür, daß eigentlich niemand zu ihnen will, daß aber die Nacht und die Kälte und der Hunger es erzwingen, die Reise zu unterbrechen. Daher dieser mißtrauische Hessenwitz, schadenfroh bis in die Knochen, hier weht Häme mit im trauten Kneipengespräch. (...)
Das Hessische ist die Mentalität des verlorenen Subjekts, aber es juckt uns nicht, daß wir so unbedeutend sind. Die Hessen durchschauen vielleicht nicht die Geheimnisse der Welt, aber sie erahnen etwas von der Sinnlosigkeit des Hin- und Hergewanders. Die Sturheit und manchmal sogar Dummheit, die uns andere andichten, ist unser Weg des Widerstandes."
Transitland im Mittelpunkt, Matthias Beltz

"Hessen verstehen kann nur derjenige und auch nur diejenige, die die ethnische Sondersituation Hessens kennen. Die Hessen sind umzingelt von lauter Deutschen, haben keinen Zugang zum Meer, zu den Alpen und zum Ausland und daher keinen direkten Kontakt zur Freiheit. Wer Hessen besuchen will, muß vorher durchs Fegefeuer der deutschen Autobahn-, Eisenbahn- oder Flughafenkultur. Nur wenige, die hierherkommen, werden hier seßhaft. Das war schon während der Völkerwanderung so: Alle Völker der Welt sind durch Hessen getrampelt, keins wollte bleiben, was ich verstehen kann, aber die silbernen Löffel haben sie immer gern mitgenommen. Darum ist der Hesse mißtrauisch von alters her, er weiß, er kommt grundsätzlich zu kurz. (...)
Wir Hessen sind nicht stolz, Deutsche zu sein, wir sind stolz, gemein zu sein. Rache ist Blutwurst, sagen wir Hessen, und verhohnepiepeln so den Zusammenhang von Blutdurst und Blutwurst. Nationale Identität, fragen wir, ja braucht man so was, wenn der Kühlschrank voll ist?
(...) Hesse sein heißt, gefährlich leben wollen zu müssen."
Der gemeine Hesse, Matthias Beltz

Ein ganz Großer, der uns furchtbar fehlt und den wir hier noch gut hätten brauchen können! Hier gibts mehr von ihm.

10. Februar 2008

Radioaktives Quecksilber

Im hellen Sonnenschein am Küchentisch

Heute habe ich Herrn Grangés Herz der Hölle fertig gelesen. Für alle Freunde der seichten Lektüre wahrhaft ein gefundenes Fressen. Es ist genau das Richtige, wenn einem bei 40 °C Lufttemperatur an einem der Strände dieses Planeten so langsam das Hirn gebraten wird. Es werden derart viele Akteure eingeführt, dass man selbst bei klarem Verstand den Überblick verlieren muss. Für mein Amüsement hat jedoch gesorgt, dass alles so hyper-realistisch geschildert wird. Jede Zigarette, die der Hauptakteur raucht, ist dem Autor eine Bemerkung wert. Aber trotzdem haut es irgendwie hinten und vorne nicht hin. Über fehlende Tankstellen hatte ich mich in einem früheren Post schon echauffiert. Und schließlich möchte ich euch, gewissermaßen im Sinne eines 'Best-of-Jean-Christophe' seine stimmungsvollen Landschaftsschilderungen nicht vorenthalten.

Beginnen wir mit den winterlichen Pyrenäen: "Eine Landschaft, die der Winter versengt hatte. Nackte Bäume, die verkohlt aussahen. Felder aus Schwarzerde, umgepflügt wie Gräber. Ein weißer Himmel, der ein grelles, radioaktives Licht abstrahlte. Vor diesem Hintergrund ging ich ein paar Schritte zurück und betrachtete den Baum, der einsam an der Spitze der Anhöhe stand. Ein Gefangener der Erde, der sich zum Himmel reckte und vor Kälte versteinert war."

Und ein nebelverhangener Klosterhof in Krakau: "In Polen wurde es früher dunkel. Oder es braute sich ein Gewitter zusammen. Oder meine Wahrnehmung von Hell und Dunkel hatte sich verändert. Als ich zu der genannten Zeit in die Klostergärten zurückkehrte, schien es mir, als wären die Bäume, Sträucher und Kirchenfenster bereits in Finsternis gehüllt. Nur ein quecksilbriges Schimmern hielt sich noch zwischen den Nadeln der Tannen, den Zweigen der Buchsbäume, den Figuren der Glasmalereien an den Fenstern."
Das Herz der Hölle, Jean-Christophe Grangé

Das ist wahrhaft eine Herausforderung für meine Phantasie. Dennoch bin ich froh, dass ich jetzt wieder an etwas Neues kann. Nach knapp 800 Seiten reicht es. Ich bringe es halt nur in Ausnahmefällen fertig, ein einmal angefangenes Buch unausgelesen zur Seite zu legen.

5. Februar 2008

Sicheres Reisen heute

Nachts ist's dunkler als daheim

Während der letzten Tage beschäftigt mich eine Perle der Reiseliteratur: ein Einweg-Produkt von Jean-Christophe Grangé. Wir haben es mit hierbei mit einem Krimi-Autor zu tun. Damit das alle merken, ist der ermittelnde Kommissar Mathieu Durey so unglaublich cool, dass es kaum auszuhalten ist.

Spätestens auf jeder zweiten Seite wird uns sein Waffenarsenal vor Augen geführt. Für einen Waffen-Depp wie mich, die es bislang noch nicht für nötig befunden hat, mich außer mit Schlüsselbund, Schweizer Taschenmesser und Tränengas-Patrone mit weiteren wehrhaften Utensilien auszurüsten, ist das ein Buch mit sieben Siegeln. Macht aber nichts. Jean-Christophe denkt ja beim Schreiben auch an solche Trottel wie mich. Zum Beispiel an der gleich zu zitierenden Stelle.

Vorher kurz noch soviel zum Setting: Den Kommissar hat sein bisheriger Weg mit dem Auto von Paris über den französischen und Schweizer Jura bis nach Mailand geführt. Dabei hat er auf gut 350 Seiten nicht eine Sekunde an einer Tankstelle verbracht. Und dabei hat er mit einem Audi eine Strecke von rund 850 km zurückgelegt! Von Mailand aus nimmt er aber dann den Flieger, weil böse Verfolger (deren Identität mir noch nicht enthüllt wurde) ihn und sein Auto an der italienischen Grenze schrotten wollten, was ihnen im Fall des Wagens auch gelingt. Aus dieser Bredouille hilft ihm unbürokratisch ein Mailänder Kollege; dieser besteht jedoch auf dem Einsammeln sämtlicher Waffen. Scheinbar wehrlos fliegt Durey also nach Catania und berichtet:

"Ich beschloss, außerhalb zu frühstücken, um mich mit der Stadt vertraut zu machen. Doch zunächst setzte ich meine zweite Automatik zusammen, eine Glock, die ich zerlegt hatte, um unbemerkt durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen zu gelangen (die Metalldetektoren schlugen bei dieser Waffe aus Kunststoff nicht an), dann steckte ich sie in ihr Futteral aus schwarzem Cordura."
Das Herz der Hölle, Jean-Christophe Grangé

Also Wahnsinn! Habt ihr die didaktischen Wendungen bemerkt? Zum ersten: Durey versteht wirklich was von Sicherheit, denn er hat eine zweite Automatik dabei! Und dann hat er die Waffe zerlegt, damit a) sein Kollege und b) die Security am Airport sie nicht findet. Mittlerweile ist jedoch praktisch jeder flugerfahren und weiß, obacht, am Flughafen hat's Metalldetektoren. Die hätten die Waffe doch finden müssen, egal ob zerlegt oder nicht! Aber, man beachte die Klammer: Eine Glock kann aus Kunststoff bestehen und dann merkt der Metalldetektor nichts. Gerissen! Hier war zwar der Wunsch offensichtlich Vater des Gedankens - aber kleinere Ungenauigkeiten seien Jean-Christophe angesichts des meines Erachtens weitaus gravierenderen Tankstellen-Lapsus nachgesehen.

Und ich hab noch vierhundert packende Seiten vor mir! Helau!

29. Januar 2008

Rache - eiskalt und höllisch heiß

Raserei bei Dunkelheit

"La vengeance est un plat qui se mange froid."
Liaisons dangereuses, Pierre-Ambroise-Francois Choderlos de Laclos

Den Text drumherum zum Weiterlesen gibt es hier.

Herbert G. Wells dagegen lässt in der Geschichte Der Gasfang ganz wortwörtlich seinen Nebenbuhler in der Hölle schmoren. Die Geschichte erschien im Jahr 1895, in dem er seine zweite Frau, Amy Catherine Robbins, heiratete. Seine erste Ehe mit einer Kusine hatte keine vier Jahre gehalten - und offenbar hat sie ihn hintergangen. Herbert G. Wells, ganz rachsüchtiges Biest, revanchierte sich mit einer Geschichte. Darin ertappt der Stahlkocher Horrocks seine Frau und ihren Liebhaber Raut in flagranti. Raut versucht ihm vorzuspiegeln, er wollte eigentlich ihn, Horrocks, aufsuchen, weil er ihm versprochen habe, ihm einige schöne Kontrastwirkungen der Hochöfen zu zeigen. Horrocks ergreift die Gelegenheit beim Schopf und führt seinen Widersacher durch Schlackehalden zu den Hochöfen. Als sie sich den Walzwerken nähern, ergibt sich folgende Situation:

"Horrocks deutete auf den Kanal, der jetzt dicht vor ihnen lag: ein unheimlicher Ort im blutroten Widerschein der Hochöfen. Etwa fünfzig Meter weiter oben schoß das heiße Wasser, das die Düsen kühlte - ein stürmischer, fast brodelnder Zufluß, und der Dampf stieg vom Wasser in ruhigen, weißen Schwaden und Streifen auf und legte sich feucht um sie, ein ununterbrochener Gespensterreigen, der aus den schwarzen und roten Wirbeln stieg, ein weißes Emporschweben, das einem die Besinnung raubte. Der glänzende schwarze Turm des Hochofens ragte aus dem Nebel, und sein dröhnender Lärm drang bis zu ihnen. Raut hielt sich vom Rand des Wassers ein wenig fern und beobachtete Horrocks. "Hier ist er rot", sagte Horrocks, "ein blutroter Dampf, rot und heiß wie die Sünde, aber dort hinten, wo das Mondlicht drauffällt und er über die Schlackehaufen kriecht, ist er weiß wie der Tod."

Raut deutet die Anspielungen Horrocks' ganz richtig, begreift aber immer noch nicht, in welcher Gefahr er schwebt. Schließlich erreichen sie den Gasfang des Hochofens. Horrocks erzählt:

"In der Mitte", brüllte Horrocks, "ist die Temperatur fast tausend Grad. Wenn man dich hineinwerfen würde ... du würdest in Flammen aufgehen wie Pulver über einer Kerze. Streck einmal die Hand aus und fühl, wie heiß sein Atem ist. Sogar hier oben noch habe ich das Regenwasser an den Rollwagen glatt in Dunst aufgehen sehen. Und der Gasfang! Höllisch heiß. Nichts, um Kuchen darin zu backen. Auf dem höchsten Punkt dreihundert Grad. (...) Da kocht dir in einer Sekunde das Blut im Leibe!"
Der Gasfang, Herbert George Wells

Muß ich tatsächlich noch erzählen, wie die Geschichte endet? Lest es doch selbst, hier zum Beispiel.

In siebzig Tagen zu sich selbst

Dunkelheit umwogt die Beine des Küchentischs

Die letzten Tage habe ich den geheimen Teilhaber von Joseph Conrad gelesen. Eine ziemliche Enttäuschung. Diese Novelle aus dem Jahr 1909 scheint eine Art Fingerübung für Schattenlinie (1917) gewesen zu sein. Sie ist dermaßen überladen mit Symbolen für einen Übergang, eine Initiation, dass man völlig betäubt davon ist. Das ist Psychologie mit dem Vorschlaghammer. Die interessante Frage wäre dann, wie Conrad auf die Idee kam, im Titel das Wort "secret" zu verwenden; subtil ist das alles nämlich nicht. Eine schöne Stelle hab ich dann doch noch gefunden:

"Eine Grupper kahler Inselchen, die an Ruinen von Mauern, Türmen und Blockhäusern erinnerten, erhob sich zur Linken aus dem blauen Meer, das wie erstarrt wirkte, so ruhig und unbeweglich lag es zu meinen Füßen; selbst die Lichtbahn der untergehenden Sonne leuchtete mild, ohne das lebhafte Glitzern, das von einem unmerklichen Gekräusel des Wassers zeugt. Und als ich mich umwandte, um einen Abschiedsblick auf den Schlepper zu werfen, der uns soeben verlassen hatte - wir waren außerhalb der Barre vor Anker gegangen -, sah ich die gerade Linie der flachen Küste in vollkommener Geschlossenheit an das unbewegliche Meer geschmiegt - in einer Ebene, halb braun, halb blau unter der riesigen Kuppel des Himmels."

Es ist ein Bild völliger Ruhe und Bewegungslosigkeit. Und damit das auch der letzte Depp kapiert, folgt auf der nächsten Seite:

"Am Ausgangspunkt einer langen Reise schwamm es ganz ruhig in einer unermesslichen Stille, die untergehende Sonne warf die Schatten seiner Rundhölzer weit nach Osten. In diesem Augenblick war ich allein auf seinen Decks. Kein Laut war an Bord zu hören - nichts rundum regte sich, nichts lebte, nicht ein Kanu auf dem Wasser, nicht ein Vogel in der Luft, nicht eine Wolke am Himmel. In diesem atemlosen Innehalten an der Schwelle einer langen Überfahrt schienen wir unsere Tauglichkeit für das lange und mühevolle Unternehmen abzuwägen, für die Aufgabe, die wir beide vollbringen mussten - fern von jedem menschlichen Auge, nur den Himmel und das Meer als Zuschauer und Richter."
Der geheime Teilhaber, Joseph Conrad

In summa handelt es sich schon um ein Stück Reiseliteratur - auf der Entdeckungsreise zu sich selbst und damit, wie schon gesagt, die Schilderung eines Übergangs, einer Initiation. Allerdings kann man dasselbe auch besser lesen, sogar bei Conrad selbst. Schade!